Lampedusa

Membro CVS Membro CVS | 07.10.2013

Lampedusa liegt auch in der Schweiz

Abt Martin Warlen vom Kloster Einsiedeln wurde gefragt, wie sich künftig 'Tragödien' wie die von Lampedusa vermeiden liessen, wo hunderte Bootsflüchtlinge mit ihrem brennenden Schiff kenterten und ertranken. Hier die Antwort von Abt Martin:

Hunderte Menschen vor der Küste der europäischen Ferieninsel grausam ertrunken: Frauen, Kinder und Männer, die der Perspektivenlosigkeit ihrer afrikanischen Heimat entfliehen wollten, voller Hoffnung auf ein neues Leben in Europa in Würde, Anstand und ohne tägliches Elend. Hunderte Male wurde dieser Funken Hoffnung jäh zerstört, hunderte Male führte die Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Leben direkt in den Tod. Der Brand auf dem Flüchtlingsschiff, angefeuert durch die Funken der Hoffnung, wurde zum schrecklichen Fanal.

Ist das eine Tragödie? Das Wort drückt in seiner ursprünglichen Bedeutung aus, dem Schicksal unentrinnbar ausgeliefert zu sein, bis hin zum schlimmen Ende, der Katastrophe. Niemand kann das Ende der Tragödie abwenden, alle Zuschauer sind machtlos.

Trifft dies auf Lampedusa zu? Ich wehre mich dagegen. Treffender scheint mir das Wort von Papst Franziskus zu sein, der das furchtbare Geschehen als „Schande“ bezeichnete, als Schande für das reiche Europa, als Schande für uns. Die Schande von Lampedusa, ein Resultat der „Globalisierung unserer Gleichgültigkeit“. Papst Franziskus trauert um die Opfer, aber er rückt auch unsere Verantwortung ins Zentrum: Wir müssen lernen, „Flüchtlingen als Brüder und Schwestern zu begegnen“. Als Menschen, die vor allem ein ernstes Problem haben, und nicht als Menschen, die vor allem uns Probleme machen.

In den letzten Jahren haben wir oft das Gegenteil getan. Alles daran gesetzt, uns die Probleme der Flüchtlinge vom Hals zu halten.

Natürlich können wir allein nicht alle Probleme der Welt lösen, können nicht alle Armen der ganzen Welt in der Schweiz eine neue Heimat finden. Aber was tun wir? Mit welcher Haltung gehen wir die Probleme an? Nur wenn wir uns von der „Schande“ von Lampedusa beschämen lassen und unsere Haltung ändern hin zu mehr Anteilnahme statt Abschottung, mehr Grossmut statt Gleichgültigkeit, mehr Menschenfreudlichkeit statt Menschenverachtung, dann muss sich die Schande von Lampedusa nicht wiederholen.

Lampedusa liegt auch in der Schweiz.